Sprache

CIRCAMERICA enRoute
Sonntag, 02 Oktober 2022 11:07

… 190° C?

geschrieben von
Artikel bewerten
(0 Stimmen)

Aus Povoa de Varzim hatten wir uns vor einigen Tagen gemeldet. Unser Plan: Ab Freitag 3 Tage südwärts … und nun sind wir da – in Lissabon ! Doch Eins nach dem Anderen …

Unser Generalkurs war 190° unser Wind kam aus 360°. Also auch für Landratten erkennbar: Wind von achtern ! Für die Landratten sei hier erwähnt, dass dies von sehr vielen Seglern die bevorzugte Richtung zum Wind ist. Zumindest für viele Weltumsegler auf der sog. Barfußroute Es sei aber auch erwähnt, dass dies die langsamste Art ist, ein Segelboot zu bewegen. Andererseits wollten wir den durchgeknallten Orcas aus dem Weg gehen und – solange sie noch in Spaniens Norden sind – möglichst viel Süd machen. Mit uns im Päckchen fahren die AZZURRO (eine Bavaria 42) und die VINCENTA. (eine Bavaria 52cs). Die beiden Boot kennen wir seit Cherbourg. Sie wollen ins Mittelmeer. Daher wollen Sie so schnell als möglich in die Algarve um von dort über Gibraltar ins Mittelmeer zu flüchten.

Nachdem der Wetterbericht eher weniger Wind und Welle ansagte, und das für Tage, entschieden wir uns Povoa am Freitag zu verlassen. Mit Ziel Figuera da Foz. Dort eine Nacht in der Marina

Von Povoa der Varzim aus ein ca. 70NM Ritt. Wir starten mit den ersten Sonnenstrahlen um 08:00. Bei 2mtr Welle von achtern im wahrsten Sinne des Wortes ein Ritt. Ab ca. 14:00 kommt Wind auf. Knapp 12Kn von achtern. Wir setzen unsere Genua. Mit 7kn rauscht die BELUGA an der portugiesischen Küste entlang. Wir versuchen uns wegen der Orcas immer nahe der 20mtr Linie zu halten. So sind wir sehr landnahe unterwegs und haben viel zu sehen. Vor allem Fischernetze ! In diesem Abstand zum Land sind natürlich die Fischernetze zahlreich. Glücklicherweise Stellnetze. So vermeiden wir zwar die Markierungstonnen direkt zu überfahren, mittendurch geht immer. Wir denken, dass diese Netze uns auch die Orca Biester vom Hals hält. Zur moralischen Stärkung haben wir immer noch unsere Orca Vuvuzela … die flosst denen sicher Angst ein :-))


Figuera da Foz

Figuera ist ein sehr industrieller Ort. Die Hafenanlage ist sehr auf kommerzielle Seefahrt ausgelegt. Umso erstaunlicher, dass Figuera während der Winterstürme den Hafen schließen muss. Wir haben damit allerdings nichts am Hut … außer nachdem wir das Cap vor Figuera gerundet hatten frischte der Wind von 8kn auf über 30kn auf. Binnen weniger Meter … das ist mal ein Cape-Effekt !

Nach ca. 11 Std. „extrem schaukeling“ erreichten wir Figuera. Wer hatten per Mail reserviert, wurden sehr freundlich empfangen und hatten eine sehr ruhige Nacht. Die Stadt scheint eine sehr schöne Bausubstanz zu haben und lädt förmlich zu einem Besuch ein. Wir beschliessen dennoch um 10:00 den Hafen in Richtung Nazare zu verlassen.


Nazare

Bild der SurfnomadenNazare scheint das portugiesische Mallorca im Quadrat ! Alles auf Tourismus ausgerichtet. Hier scheinen sich Einsteiger und Aussteiger zu treffen. Vor allem Wellensurfer sind hier sehr präsent – speziell in den zahlreichen Souvenir-Shops Nazare ist angeblich der Ort mit der höchsten gerittenen Welle = 28mtr Höhe ! Der Leuchtturm, welcher auf einem vorgelagerten Cap steht, zählt zu den meist fotografierten Objekten. Heute, bei so wenig Wind fällt das kleine Türmchen kaum auf.

Wir hatten seit Figuera eine sehr schöne Überfahrt, die uns vom 11stündigen Schaukeln des Vortages wieder wohlgestimmt hat. Wir konnten bei sehr flachem Wasser segeln !

Um 10:00 in Figuera gestartet, waren wir bereits um 16:00 in der Marina fest. Anmeldung in der Marina mit Restaurant Empfehlung inklusive. Also geht’s los ins empfohlene Restaurant Maria do Mar. Eine echt sehr gute Empfehlung. Super gegessen für sehr angemessene Preise. Allerdings liegt Maria do Mar am anderen Ende des Ortes. So hatten wir die einmalige Gelegenheit unser Gewissen mit einem insgesamt 7km langen Fußmarsch zu besänftigen. Ohne dieses opulente Mahl hätten wir die Strecke sicher nicht überlebt :-))

Am nächsten Morgen geht’s um 07:30 los in Richtung Lissabon. Nochmals ein ca. 70NM langer Schlag bis Lissabon Dort wollten wir in die Marina nach Oiras.

Lissabon

Unser Ziel ist die Marina von Oiras. Leider ist diese Marina – wie alle anderen Marinas in Lissabon – sehr voll. Wir sind zwar angemeldet, dürfen aber erst in die Marina, wenn eine andere Yacht die Marina verlässt. Verlassen wollen jedoch derzeit nur Schiffe, die nach Norden fahren. Nach Süden ist derzeit riskant, da die Orcas die letzten Tage mehrere Schiffe am Südende der Lissabon Bucht angegriffen haben. Einige der Angriffsopfer liegen in den Häfen von Lissabon mit Ruder- und anderen Schäden.

So bleibt uns nur die Möglichkeit vor Cascais zu ankern. Die AZZURRO hatte noch einen Platz für eine Nacht ergattert. Wir ankern vor Cascais. Der Untergrund hält ganz gut und der Wetterbericht erklärt, dass eine Mega-Flaute über uns wegzieht. Also alles Bestens ! Wir sind – wie geplant – dort angekommen, wo wir hin wollten. Zumindest ungefähr. Jetzt braucht wir nur noch eine Marina für die paar Tage, bevor wir dann nach Madeira aufbrechen.

Was wir sehr deutlich wahrnehmen sind die Temperaturunterschiede zwischen Povoa und Lissabon Hatten wir in Povoa morgen gerne mal unter 15°C in den Morgenstunden so haben wir hier knapp 20°. Das Wasser wurde ebenfalls um ca. 5°C wärmer. So langsam sind wir wieder in den gesuchten Temperaturbereichen !

Orcas

Unterwegs durften wir 2 Notrufe auf UKW wegen Orcaangriffen verfolgen. Eine Situation, die man keinem Menschen wünschen mag. Einige Portugiesen haben uns erzählt, dass es sich zwischenzeitlich um mindestens 5 Familien der gleichen Abstammung handelt. Die Orcas sind nicht nur an der portugiesischen und spanischen Küste unterwegs. Seit diesem Jahr wurden erste Angriffe vor Valencia, rund um Sardinien und Sizilien gemeldet. Diese hoch-intelligenten Tiere sind also zwischenzeitlich mit ihrem Hobby „Boote anknabbern“ auch im Mittelmeer unterwegs. Binnen 3 Jahren wurde aus einer Familie zwischenzeitlich 5 Familien. Hochrechnung erlaubt …

Wundersam ist, dass zwar alle wissen was die Viecher anrichten, aber noch keiner die Tiere mit einem Sender ausstattet. Dann wüsste man zumindest wo die Orcas sind. Aktuell gibt es 2 Quellen der Interaktationen (wie man offensichtlich politisch korrekt formuliert). Die eine Quelle "OrcaIberica" ist meist sehr veraltet. Mindestens eine Woche später erfährt man wo was vorgefallen ist. Die zweite Quelle ist die "Cruising Association", eine britische Vereinigung von Blauwasser Seglern. Die Jungs sind auf Meldungen der Segler angewiesen. Wenn diese kommen, dann gehts sehr zeitnahe. Andererseits: Was soll ein Segler denn noch alles tun, wenn Orcas gerade drohen sein Schiff zu versenken ? Es gibt eine offizielle Vorgehensweise, welche man einhalten soll. U.a. den Notruf auf UKW Ch16 absetzen. In sehr vielen Fällen hatte sich da jedoch keiner der Offizeillen zuständig gefühlt. Einige haben dann über TEL zuhause oder MRCC Bremen eine Rettung eingeleitet. Was entsprechend dauert. Glücklicherweise sind Spanier und Portugiesen hier ein wenig pragmatisch unterwegs: Sie kommen (mehr oder weniger schnell), verscheuchen die Biester und schleppen die Yachten in den nächsten geeigenten Hafen. Ich fürchte in DE ginge das nur nach einer mehrseitigen Formulararie, welche über FAX beantragt werden muss :-) oder ?

Bleibt abzuwarten, wie sich das in den nächsten Jahren entwickelt. Die Gefahr ist aus unserer Sicht groß, dass man heute durch Passivität und Zusehen der Zuständigen eine Entwicklung zulässt, die wir in ein paar Jahren nicht mehr kontrollieren können. Nur um falschen Rückschlüssen meiner Ausführungen vorzubeugen: Ich möchte nicht darauf hinwirken alle Orcas zu töten … auf keinen Fall. Aber es gibt heutzutage sehr viel Tierforscher, die auf eine nachhaltige Verhaltensänderung hinwirken könnten. Wie beim Menschen so beim Orca: Die Eltern prägen das Verhalten ihrer Kinder. Wenn Orca-Eltern ihren Kindern beibringen könnten, dass Menschen nützlich und hilfreich sind, dann würde die ganze Sippe auf uns aufpassen. Dazu sollten Menschen aber nützlich und hilfreich sein, denn Orcas sind hoch-intelligente Tiere … Menschen auch ?

In diesem Sinne: Viele Grüße aus Lissabon und

Bleibt uns gewogen !

 

Sabine & Ralph

Gelesen 114 mal Letzte Änderung am Montag, 03 Oktober 2022 12:37